Die französische Schauspielerin Juliette Binoche präsentierte auf dem 43. Torino Film Festival, das vom 21. bis zum 29. November 2025 stattfand, ihren Regieerstling, den Dokumentarfilm In-I In Motion. Unter der künstlerischen Leitung von Giulio Base wurde das Festival als eine Feier des Autorenkinos ohne Fernsehserien konzipiert. Neben der Filmvorstellung wurde Binoche mit dem Ehrenpreis „Stella della Mole“ für ihr filmisches Gesamtwerk ausgezeichnet, eine Ehrung, die auch Spike Lee, Vanessa Redgrave und Antonio Banderas zuteilwurde.
Der Dokumentarfilm In-I In Motion thematisiert Binoches intensive künstlerische Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Tanz, die sie ursprünglich zwischen 2007 und 2008 mit dem britischen Choreografen Akram Khan entwickelte. Der Film zeigt bisher unveröffentlichtes Probenmaterial der sechsmonatigen Performance In-I, die weltweit rund 100 Mal aufgeführt wurde. Die Zusammenarbeit war ein bewusstes künstlerisches Wagnis, bei dem die Schauspielerin tanzte und der Tänzer schauspielerte. Die Bühne für diese Inszenierung wurde vom Künstler Anish Kapoor gestaltet, die musikalische Untermalung lieferte Philip Sheppard.
Jenseits der Filmarbeit nutzte Binoche die Plattform für ein gesellschaftliches Statement. Sie verurteilte Femizide und die weltweite Aushöhlung von Frauenrechten in Konfliktzonen scharf. Binoche betonte die Notwendigkeit, sich nicht an Gewalt zu gewöhnen, da dies sonst zu einem über Generationen weitergegebenen Modell werde. Ihre Forderung nach kollektiver Verantwortung manifestierte sich in dem Appell: „Es ist fundamental, sofort Nein zur Gewalt zu sagen“. Darüber hinaus forderte sie eine stärkere Beteiligung männlicher Solidarität und erklärte: „Ich möchte mehr Männer auf die Straße gehen sehen“.
Die Oscar-Preisträgerin reflektierte zudem über ihre persönliche Entwicklung und die Suche nach Autonomie. Binoche gestand, jahrelang nach einem Beschützer gesucht zu haben, was sie nun als „eine fromme Illusion“ bezeichne, da sie realisiert habe: „Dieser Mann existiert nicht“. Diese neu gewonnene Selbstständigkeit bildet nun die Basis für ihre berufliche Zukunft, da die Schauspielerin bestätigte, für den Übergang zur Regie von Spielfilmen bereit zu sein. Ihre Karriere, die über vier Jahrzehnte reicht, zeige eine Kohärenz zwischen ihrem künstlerischen Ausdruck und ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement.
Die 43. Ausgabe des Festivals, die 120 Titel präsentierte, darunter 23 Weltpremieren, wurde als eine Ausgabe mit starker weiblicher Präsenz beschrieben, da zehn der sechzehn Wettbewerbsfilme von Regisseurinnen stammten. Binoches konsequente künstlerische Entscheidungen, wie die Bevorzugung von Krzysztof Kieślowskis Drei Farben: Blau vor Steven Spielbergs Jurassic Park, unterstreichen ihre Priorisierung der Kunst über rein kommerzielle Aspekte, ein Unterschied, den sie explizit zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Kino sieht.



